Wenn ich einen Verlust erlitten habe

Wenn ich einen Verlust erlitten habe, ist die erste Aufgabe, die sich mir stellt, die Schmerzen, meine Trauer überhaupt anzuerkennen und zuzulassen. Mir Zeit zu nehmen, um das, was war, zu ehren und mich daran zu erinnern, ist unerlässlich, damit ich den Trauerprozess auf eigenen Füßen, mit Hilfe oder ohne Unterstützung durchschreiten kann.

Wenn mein Leben im Fluss ist, dann erneuert sich meine Lebensenergie ständig von selbst. Der Energiefluss ist ein fortwährendes Auf- und Entladen, ein ständiges Loslassen von Altem, um Platz für Neues zu schaffen.

Aus der Traumaforschung weiß man: wenn mir etwas Niederschmetterndes widerfährt und ich davon überwältigt und überfordert bin, hat mein Körper oft keine Möglichkeit, die durch den Schock gestaute Energie abzubauen. Diese gestaute Energie erzeugt in mir ein kraftraubendes Durcheinander, so etwas wie einen Strudel, gegen den ich ankämpfen muss, um nicht unterzugehen. Das kann mich unglaublich mürbe und müde machen. Stressbedingte Krankheiten treten in solchen Zeiten häufig auf. Meine Freude und die Lust, etwas Neues zu beginnen, lassen nach. Die Fähigkeit, Altes hinter mir zu lassen geht mir vorübergehend verloren.

Um meine Lebensenergie wieder ins Fließen zu bringen, ist es wichtig, die gestaute Energie abzubauen. Dies geschieht in der Trauer häufig in Form von sich entladenden Gefühlen: ich weine vor Kummer und Schmerz oder ich zittere am ganzen Körper vor Angst. Loslassen ist also zunächst einmal eine notwendige körperliche Reaktion auf einen Schock, ein Abbauen von gestauter Energie. Kompetente Trauerbegleitung kann helfen, dieses Loslassen einzuleiten und es in geschützter Umgebung zuzulassen.

Es gibt kein Rezept, das mir vorgibt, wie lange meine Trauer dauert. Irgendwann eröffnet sich ein Platz in meinem Herzen, an dem ich die Erinnerung an das, was ich verloren habe behalten kann, ohne immer wieder davon überwältigt zu werden. Achtsamkeit mit mir selbst, Geduld mit mir und meinen Gefühlen, professionelle Begleitung und nicht zuletzt das Verstreichen von Zeit sind hilfreich auf dem Weg dorthin.

Genau hier liegt der feine aber sehr wichtige Unterschied. Denn wenn ich es nicht fertig bringe, loszulassen, meinen Gefühlen nachzugeben, sie fließen zu lassen, dann stockt der Energiefluss weiterhin, dann erstarrt ein Teil von mir. Egal an was ich festhalte, es hält mich auf eine unheimliche Weise gefangen.

Was ich festhalte, das prägt mich. Und solange ich festhalte, werde ich zum Schatten meiner selbst. Wenn ich also immer wieder auf das Sterben oder den Tod eines lieben Menschen zurückschaue, dann fühle ich mich ständig so, als ob auch ein Teil von mir stirbt.

Mich davon abzuwenden bedeutet nicht, jemanden zu ersetzen oder die Erinnerung an den, der mir so lieb ist, weniger wertzuschätzen. Das Geschehene hinter mir zu lassen ist keine Untreue, keine fehlende Loyalität. Ich habe nicht versagt, wenn ich mir eingestehe, dass mein Leben von dem Menschen, den ich liebte, unauslöschlich berührt und bereichert wurde.

Im Gegenteil! Das, was ich liebe und würdige, wird ein Teil von mir und macht aus mir die Person, die ich jetzt bin. Genauso wenig wie eine Pflanze auf Sonne, Regen, Erde oder Wind verzichten kann, kann ich auf das verzichten, was mein Leben nährt: die lebendige Energie aller meiner Erfahrungen und Gefühle.

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Maike Grell

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